Wer hat sich das nicht schon mal ausgemalt: einfach im Kaufhaus bleiben, wenn es abends schließt und die anderen Kunden das Haus verlassen, einfach abwarten, still halten und hinter die Kulissen blicken. Ende 2006 haben sich zwei Künstler – der Schriftsteller
Kolja Mensing und der Filmemacher
Florian Thalhofer - ganze 31 Tage in einem Bremer Einkaufszentrum eingerichtet, ausgestattet mit einer Dreherlaubnis, gesunder Neugier und dem Recht, einen Besprechungsraum als Büro zu benutzen. Nur geschlafen haben sie einem Wohnwagen auf dem Parkplatz.
Einen vollen Monat lang sind sie eingetaucht in den abgeschlossenen, perfekt organisierten Mikrokosmos des Roland-Centers, haben beobachtet, interviewt, gefilmt, gebloggt, Tagebuch geschrieben, eine Kolumne in der TAZ bedient, Polaroids geschossen und Gespräche geführt: mit einer toughen Center-Managerin, einer resignierten Arbeitslosen, einem smarten Flugbegleiter, einem brummeligen Hausinspektor, einer vom Schicksal gebeutelten Putzfrau. Doch was sie in dieser Shopping Mall eingefangen haben, hat erstaunlich wenig mit Konsum zu tun, vielmehr kreisen die Themen sehr persönlich um Kindheit und Krankheit, um Armut und Arbeitslosigkeit, um Selbstmorde und Stiefväter, um Vergewaltigung und Verlust auf der einen – sowie Macht, Selbstsicherheit und Stolz auf der anderen Seite. Das alles unter einem Dach, an einem Ort, zur selben Zeit, wie in einem Paralleluniversum. Das hätte locker für einen Dokumentarfilm oder eine Zeitungsreportage gereicht. Doch Mensing und Thalhofer, gefördert von der Bremer Arbeitnehmerkammer und dem medienboard Berlin-Brandenburg, haben daraus geschickt ein multimediales Szenario gebastelt, haben ihre Interviews in kleine, überschaubare Häppchen zerteilt, ihre Eindrücke täglich in Texte gepresst, das eingefangene Material in Buch, DVD, in einer Tageszeitung und im
Internet veröffentlicht. Dabei war ihr Vorgehen durchaus als
work in progess konzipiert: während die ersten Interviews und Bilder ins Netz gestellt wurden, entstanden aus den Reaktionen und Feedbacks darauf weitere Sequenzen.
Storytelling statt KonsumkritikIn Anlehnung an ein früheres Projekt von Mensing und Thalhofer, der Hochhausreportage
13ter Stock, trägt die aktuelle Publikation den Titel
13ter Shop. In einem 80-seitigen Booklet sind Bilder, Zeichnungen und Tagebuchtexte veröffentlicht, während man in der beiliegenden DVD (sowohl Mac- als auch am PC-tauglich) durch Interviews und Eindrücke der beiden Künstler navigieren kann, unterlegt von Jim Avignons heiter-meditativem Elektrosound. Dass dabei jeder Rezipient eine andere Filmabfolge sieht, garantiert das von Florian Thalhofer konzipierte interaktive Korsakow-System (was verdächtig nach Wodka klingt, ist höchstens unter Konsumierung desselben entstanden). Während im linken Teil des Bildschirms der aktuelle Video-Clip zu sehen ist, werden im rechten Teil bereits zwei weitere Sequenzen zur Auswahl angeboten. So kann man sich völlig nonlinear, intuitiv und spielerisch durch ein rhizomatisches Netz von Geschichten klicken, die durch Stichwörter, Themen (oder reinem Zufall?) mit einander verwoben sind. Was in der Theorie reichlich abstrakt klingt, entpuppt sich in der Praxis als recht spaßig: lustvoll klickt man sich durch einen individuellen Erzählstrang, insgeheim darüber schmunzelnd, dass auch durch geschickte Tricks kein Vorbeimogeln an Szenen mit dem Titel „Udo Jürgens“ möglich ist.
Wer hier vielleicht eine sozialkritische Milieustudie erwartet, muss enttäuscht werden: Mensing und Thalhofer haben reines Storytelling statt Konsumkritik im Sinn. Während sie agieren und dokumentieren, stehen sie immer auch etwas ironisch verwundert neben sich. „Einkaufszentren sind die Hölle“, notiert Kolja Mensing bereits am dritten Tag. „Ich bin erstaunt, wie gut es mir in dieser Hölle gefällt.“
Ingeborg Jaiser
Florian Thalhofer / Kolja Mensing: [13terShop]. Buch & DVD-Rom. Mairisch 2007. 15,90 Euro.